Frau Frei*

Die Mitarbeitenden im Franziskustreff können aus ihrem Alltag über ganz unterschiedliche Begegnungen mit Menschen in prekären Lebenslagen berichten. Eine sehr berührende ist für die Sozialarbeiterin Andrea Knechtel die, mit einer obdachlosen Frau, die schon viele Jahre kommt und die wir zu ihrem Schutz hier „Frau Frei“ nennen.

„Sie kommt meist direkt zur Tür der Sozialberatung. Das Frühstücksangebot nimmt sie nicht an. Ihre Sätze sind meist unvollständig und abgehackt. Fragmente - scheinbar ohne Zusammenhang. Wir wissen nicht viel über sie. Das ist oft so, auch bei anderen. Die Wörter sind wie Teile eines Puzzles. Es bleibt oft bei Versuchen, sie immer wieder zusammenzusetzen, um etwas zu verstehen.

Sie hat viel Schlimmes erlebt. Diese Ereignisse haben ihr den Geist genommen. Auch das ist oft so. Denn es gibt Erlebnisse im Leben, die kaum auszuhalten sind und verdrängt werden müssen.  Frau Frei* lebt in ihrer Welt, in ihrem eigenen Film. Das Drehbuch kennt niemand. Ihr Film könnte Freiheit heißen. Frei sein. Draußen sein. Sich nicht festhalten lassen. Immer unterwegs auf Frankfurts Straßen. Sie wirklich in der Begegnung zu erreichen ist schwierig. Der Kontakt ist immer kurz… ein Augenblick. Mehr nicht.

In Beratungsgesprächen mit Menschen, die auf der Straße leben, geht es immer wieder um Themen wie Traumatisierung durch Gewalt. Missbrauch – oft schon in den Kindertagen. Niemand war da, dem man sich anvertrauen konnte. Niemand, der es hören wollte. Manchmal noch nicht einmal die eigene Mutter oder die Eltern. Abhängig davon, wer es war.

Die Auswirkungen auf die Entwicklung und auf das weitere Leben sind dramatisch. Die Seele ist für den Rest des Lebens verstört. Das Vertrauen in andere verloren. Und die Menschen – oft sind es eben auch Frauen – sind innerlich zerrissen. Das zeigt sich dann ganz unterschiedlich: Die einen sind noch da - gezeichnet, verhaltensgestört, auffällig, suchtabhängig… aber noch da. Vielleicht noch zu erreichen. Irgendwie – mit viel Zeit. Beziehungszeit. Da hilft nur: einfach da zu sein. Mensch zu sein und zuzuhören. Ohne zu bedrängen ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, und zu versuchen das fehlende, stützende Umfeld auszugleichen, indem man sie glaubt und ihr Fels in der Brandung ist. Bei den Erfolgen. Und besonders bei Rückschlägen.

Andere verlieren ganz ihren Geist. Wie Frau Frei*. Kaum Chancen, sie zu erreichen. Sich immer zu fragen: Gibt es eine Möglichkeit ihr zu helfen - ihre Lebenssituation zu verbessern? Das ist schwer auszuhalten, besonders, wenn alles abgelehnt wird. Aber die Erkrankung lässt oft nicht die Einsicht zu, krank zu sein und Hilfe zu brauchen. Oder sie sind zu krank, um es überhaupt erkennen zu können.

Dann ist Hilfe von außen unmöglich. Denn die fehlende Bereitschaft sich behandeln zu lassen, rechtfertigt keine Unterbringung. Manchmal fragen Bürgerinnen und Bürger, die das Leid auf der Straße bewegt, direkt bei uns nach: ,Warum machen sie nichts - sie müssen doch etwas machen?' Aber das geben die Gesetze zu Recht nicht her. Eine Selbst- oder Fremdgefährdung muss vorliegen. Ohne Einsicht in die Lage oder Fähigkeit und Willen sich helfen zu lassen, geht nach der Entlassung das gleiche Spiel weiter. Zurück auf die Straße und dann…? Damit umzugehen ist eine große Herausforderung für jeden in der Sozialarbeit."

* Name geändert