Die weibliche Seite der Obdachlosigkeit

14.06.2025

Warum der Franziskustreff auch konkrete Hilfen nur für Frauen anbietet

Für obdachlose Frauen bedeutet das Leben auf der Straße zusätzliche Gefahren und Herausforderungen. Sie bewegen sich daher anders in der Öffentlichkeit als Männer. Sind weniger sichtbar. Auch weil sich viele Frauen ohne ein Zuhause verdeckt wohnungslos durchs Leben schlagen. Das heißt, sie kommen temporär bei Freunden, Familie oder in Zweckgemeinschaften, meist Partnerschaften unter. Manchmal auch mit und wegen Kindern.

Neben Job- und Wohnungsverlust sowie Schicksalschlägen, zählen behandlungsbedürftige seelische Erkrankungen zu den häufigsten Ursachen für die Obdachlosigkeit. Die Betroffenen fallen aufgrund der damit verbundenen Beeinträchtigungen durch das Hilfenetz und landen schließlich auf der Straße. Oder sie werden psychisch krank, durch die Strapazen, die das Leben ohne sicheres Zuhause mit sich bringt. Hinzu kommen oft Süchte: Alkohol und andere Drogen. Verzweifelte Bewältigungsstrategien, die keine sind. Aber vielen bleibt nur das Verdrängen, das Betäuben, das aus der Realität nehmen. Der Realität, die zum Alptraum wurde.

Die Mitarbeitenden im Franziskustreff können aus ihrem Alltag über ganz unterschiedliche Begegnungen mit Menschen in prekären Lebenslagen berichten. Eine sehr berührende ist für die Sozialarbeiterin Andrea Knechtel die, mit einer obdachlosen Frau, die schon viele Jahre kommt und die wir zu ihrem Schutz hier „Frau Frei“ nennen.

„Sie kommt meist direkt zur Tür der Sozialberatung. Das Frühstücksangebot nimmt sie nicht an. Ihre Sätze sind meist unvollständig und abgehackt. Fragmente - scheinbar ohne Zusammenhang. Wir wissen nicht viel über sie. Das ist oft so, auch bei anderen. Die Wörter sind wie Teile eines Puzzles. Es bleibt oft bei Versuchen, sie immer wieder zusammenzusetzen, um etwas zu verstehen.

Sie hat viel Schlimmes erlebt. Diese Ereignisse haben ihr den Geist genommen. Auch das ist oft so. Denn es gibt Erlebnisse im Leben, die kaum auszuhalten sind und verdrängt werden müssen.  Frau Frei lebt in ihrer Welt, in ihrem eigenen Film.  Das Drehbuch kennt niemand. Ihr Film könnte Freiheit heißen. Frei sein. Draußen sein. Sich nicht festhalten lassen. Immer unterwegs auf Frankfurts Straßen. Sie wirklich in der Begegnung zu erreichen ist schwierig. Der Kontakt ist immer kurz… ein Augenblick. Mehr nicht.

In Beratungsgesprächen mit Menschen, die auf der Straße leben, geht es immer wieder um Themen wie Traumatisierung durch Gewalt. Missbrauch – oft schon in den Kindertagen. Niemand war da, dem man sich anvertrauen konnte. Niemand, der es hören wollte. Manchmal noch nicht einmal die eigene Mutter oder die Eltern. Abhängig davon, wer es war.

Die Auswirkungen auf die Entwicklung und auf das weitere Leben sind dramatisch. Die Seele ist für den Rest des Lebens verstört. Das Vertrauen in andere verloren. Und die Menschen – oft sind es eben auch Frauen – sind innerlich zerrissen. Das zeigt sich dann ganz unterschiedlich: Die einen sind noch da - gezeichnet, verhaltensgestört, auffällig, suchtabhängig… aber noch da. Vielleicht noch zu erreichen. Irgendwie – mit viel Zeit. Beziehungszeit. Da hilft nur: einfach da zu sein. Mensch zu sein und zuzuhören. Ohne zu bedrängen ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, und zu versuchen das fehlende, stützende Umfeld auszugleichen, indem man sie glaubt und ihr Fels in der Brandung ist. Bei den Erfolgen. Und besonders bei Rückschlägen.

Andere verlieren ganz ihren Geist. Wie Frau Frei. Kaum Chancen, sie zu erreichen. Sich immer zu fragen: Gibt es eine Möglichkeit ihr zu helfen - ihre Lebenssituation zu verbessern? Das ist schwer auszuhalten, besonders, wenn alles abgelehnt wird. Aber die Erkrankung lässt oft nicht die Einsicht zu, krank zu sein und Hilfe zu brauchen. Oder sie sind zu krank, um es überhaupt erkennen zu können.

Dann ist Hilfe von außen unmöglich. Denn die fehlende Bereitschaft sich behandeln zu lassen, rechtfertigt keine Unterbringung. Manchmal fragen Bürgerinnen und Bürger, die die Verwahrlosung auf der Straße bewegt, direkt bei uns nach: ,Warum machen sie nichts - sie müssen doch etwas machen?' Aber das geben die Gesetze zu Recht nicht her. Eine Selbst- oder Fremdgefährdung muss vorliegen. Ohne Einsicht in die Lage oder Fähigkeit und Willen sich helfen zu lassen, geht nach der Entlassung das gleiche Spiel weiter. Zurück auf die Straße und dann…? Damit umzugehen ist eine große Herausforderung für jeden in der Sozialarbeit."

Immer die Hand reichen – auch wenn die Umstände schwierig sind

Man kann niemandem Hilfe aufzwingen. Aber man kann Angebote schaffen, die sich so nah wie möglich an den Bedürfnissen von Menschen in Not orientieren.So handhabt es das Team aus Haupt- und Ehrenamtlichen seit jeher im Franziskustreff und der gleichnamigen Stiftung. Daraus entstand das wöchentliche Nachmittagsangebot ReBeCa. Ein Begegnungscafé für die Gäste des Franziskustreffs zum Reden, Begegnen und bei kleinen Snacks wie im Café.

Für jeden und jede ist mal etwas dabei. Es gibt sogar exklusive Veranstaltungen nur für Frauen. Dieser besondere Bedarf begegnet den Mitarbeitenden beim Frühstück, in der Sozialberatung und auch in der Sprechstunde der Praxis für Wohnsitzlose immer wieder: Denn selbst wenn die Atmosphäre im Treff herzlich ist und sicher, fühlen sich viele Frauen im Beisein von Männern unwohler.

Das Vertrauen in die Einrichtung baut Brücken

Obdachlosen Menschen fällt es schwerer Hilfe anzunehmen. Viele haben schlechte Erfahrungen mit Vertrauen gemacht. Erschweren dazu psychische Erkrankungen die Situation, wie bei Frau Frei, so hilft der Dreiklang von Frühstück, Sozialberatung und der nervenärztlichen Versorgung besonders. Durch die Angliederung an die Hilfseinrichtung, ist der zur Behandlung meist notwendige, langwierige Beziehungsaufbau zu Betroffenen möglich. Das Vertrauensverhältnis und das niedrigschwellige Angebot sind entscheidend für die Bereitschaft zur Behandlung. Und beides erhöht die Chancen auf nachhaltige Besserung und Heilung.

„Wenn obdachlose Frauen zu uns kommen, sehen wir mehr als nur äußere Not. Wir sehen Geschichten. Gesichter. Verletzungen Das Leben auf der Straße ist rau, besonders für Frauen. Viele erleben Gewalt, Missbrauch und Ausgrenzung. Die Angst wird zum ständigen Begleiter. Es fehlt an Schutz, an Hilfe, an Vertrauen. Wer ständig überleben muss, wird irgendwann müde. Die Seele hält nicht mehr Schritt mit dem Schmerz. Psychische Erkrankungen nehmen zu, viele Frauen verlieren sich selbst – in der Einsamkeit, in der Sprachlosigkeit, im Rückzug. Das alles konnten ich und Svetlana durch die vielen Gespräche erfahren.“, so Maria Kilchenstein.

Die Hauswirtschaftlerin schafft gemeinsam mit Sozialarbeiterin Svetlana Strojan regelmäßig einen Safe-Space für die weiblichen Gäste des Franziskustreffs. Dann sind nur sie im Begegnungscafé zu Reden Begegnen und Café eingeladen. Hier wird Teilhabe möglich, auch wenn die Umstände schwierig sind. Das Programm ist abwechslungsreich und richtet sich nach den Wünschen der Gästinnen: Mal wird es beim Schmuck herstellen kreativ oder der Franziskustreff verwandelt sich in eine Schönheits- und Erholungsoase. Beim Salsa-Tanzkurs entfalten sich Mut und verborgene Talente. Der raue Alltag bleibt stets präsent auch beim Frauen-ReBeCa. Was frau am besten tun kann, wenn Gefahrensituationen im Straßenleben drohen. Das war Thema beim Nachmittag mit einem Selbstverteidigungsexperten. Viele fanden das Thema spannend und der Experte war engagiert bei der Sache. Dennoch besuchten einige Frauen den Workshop mit gemischten Gefühlen. Denn einem Kampfsportler als Kursleiter zu begegnen, verunsicherte sie aufgrund persönlicher Erfahrungen mit Männergewalt. Der Nachmittag war ein Experiment. Vielleicht gibt es noch einmal eine Neuauflage, dann mit einer weiblichen Expertin.

Die Frauen-Nachmittage zeigen, es ist gut und wichtig für die weiblichen Gäste, wenn sie einfach einmal unter sich sind. Dieser Rahmen bietet auch Platz für schwierige Themen. Ohne Männer offen über Sorgen reden. Sich gegenseitig Tipps geben. „Wir haben das gern aufgegriffen. Denn in den Gesprächen fassten Frauen unter sich den Mut, auch einmal über sehr schwierige Themen wie körperliche und sexualisierte Gewalt zu sprechen, die sie in ihrem Leben erfahren haben. Und auf der Straße jederzeit mit neuen Vorfällen rechnen müssen. Oder einfach spüren, dass Frausein nicht nur mit Extrasorgen verbunden ist. Sondern auch mit besonderen Stärken einhergeht. Und zusammen lachen hat seinen Platz“, sagt Strojan. Die Frauen selbst lobten die Idee – und wünschten sich mehr davon: „Das fanden wir toll.“

„Das ist das Schönste, was ich je erlebt habe.“

Sozialarbeiterin Andrea Knechtel begleitete das Kursangebot “ICH” im Franziskustreff: „7 Termine bei denen die Gästinnen Wohlergehen und Gesundheit stärken konnten – durch Entspannung, Atempausen und Klänge. Angeleitet von einer professionellen Gesundheitstherapeutin. Die Klangschalen und deren Schwingungen wurden von den Frauen als besonders angenehm erlebt. Viele Frauen hatten den Kontakt zu ihrem Körper gänzlich verloren. Die traumatischen- und Gewalterlebnisse hatten ihre Spuren im Körper hinterlassen. Sie fühlten sich nicht mehr - waren innerlich abgeschnitten. Durch die angeleiteten Übungen kamen sie ganz langsam wieder mit sich in Kontakt. Ein behutsames Spüren durch bewusstes Atmen und das Spüren der Klänge. Und die Rückmeldungen waren so berührend: ,Das ist das Schönste, was ich je erlebt habe.', sagte eine obdachlose Frau über 70zig nach einer Kurseineinheit.".

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*Name von der Redaktion geändert.