Gedenkgottesdienst zum Tag der verstorbenen wohnungslosen Menschen
Sie kommen nicht mehr wieder. Bestellen sich keinen der Frühstücksteller mehr oder genießen keine zweite Tasse Kaffee. Und sie nehmen nie wieder Platz auf dem Stuhl der Sozialberatung oder finden Linderung in der Praxis für Wohnsitzlose: Sechs Menschen, die zu Gast im Franziskustreff waren, sind im vergangenen Jahr verstorben.
Sobald das Team davon erfährt, recherchiert Sozialberaterin Svetlana Strojan die wichtigsten Informationen: Wo wurde die oder der Verstorbene aufgefunden, an welchen Ort wurden sie gebracht und wo und wie sollen sie beigesetzt werden? Viele haben kaum mehr familiäre oder freundschaftliche Bindungen. Fast nie kann auf eine Rücklage für den Todesfall zurückgegriffen werden. Darum finden Einäscherung und Bestattung meist mit Hilfe des Ordnungsamtes der Stadt Frankfurt statt.
Damit die Verstorbenen ihren letzten Weg nicht allein gehen müssen, setzt die Sozialberatung alle Hebel in Bewegung, um zu erfahren, wo und wann ihre Beisetzung stattfindet. Denn gerade langjährige Gäste haben gute Bindungen zu anderen Gästen und dem Team des Franziskustreffs aufgebaut. Um allen die Gelegenheit zu geben Abschied zu nehmen, informiert ein Aushang über die Todesfälle und Bestattungen. Im Franziskustreff entzünden die Mitarbeitenden für jeden und jede eine Kerze, als Zeichen: Ein Leben ist zu Ende gegangen, das mit diesem Ort verbunden war und das einen würdigen Abschied verdient. Und zur Erinnerung liegt im Frühstücksraum das Totenbuch mit allen Todesanzeigen der Gäste, deren Stuhl nun für immer leer bleiben wird.
An Allerseelen – dem Tag der verstorbenen Wohnungslosen – wurde auch in diesem Jahr der Menschen würdig gedacht, die bis zu ihrem Tod ein Leben suchtkrank, ohne Zuhause oder ganz und gar auf der Straße meistern mussten: Seit November 2025 waren das 160 Menschen in Frankfurt. Um ihrer zu gedenken, hatten Schwester Christine Schirrmeister vom Frankfurter Diakonissenhaus, Kapuzinerbruder Michael Masseo Maldacker, Leiter des Franziskustreffs, und Pfarrer Olaf Lewerenz zu einem Ökumenischen Gedenkgottesdienst in die Liebfrauenkirche eingeladen. Gemeinsam mit der ehrenamtlichen Stadträtin Beatrix Baumann als Repräsentantin der Stadt Frankfurt führten sie durch die berührende Gedenkfeier bei der in Armut beziehungsweise wohnungslos verstorbene Menschen sowie die, die sie begleitet haben, einen würdigen Abschied bekamen. Und darum füllte sich mit dem Mittagsgeläut die Liebfrauenkirche mit Wegbegleitenden aus der Frankfurter Drogen- und Wohnungslosenhilfe, Familie und Freunden sowie vielen Gästen und Mitarbeitenden des Franziskustreffs.
Als Programm zum Mitsingen und Beten lagen auf den Bänken kleine Hefte für alle bereit. Nach der Begrüßung durch Schwester Christine und der Rede von Pfarrer Lewerenz, richtete sich Bruder Michael Masseo an die Anwesenden:„Michael, was ist deiner Meinung nach der Sinn des Lebens, hat mich vor ein paar Wochen mein Bruder gefragt. Ich habe ihm geantwortet: gut zueinander zu sein. Eine Erkenntnis, die wir nicht immer beherzigen. Heute gedenken wir unserer Verstorbenen, die uns nahegestanden haben. Wir haben mindestens einen Menschen verloren, einen, von dem wir denken, oder glauben, dass sein Schicksal ungerecht war.“
Mit hoffnungsvollen Worten ermutigte er dazu neben der eigenen Kraft auch auf Gottvertrauen zu setzen: „Was können wir in der Welt eigentlich selbst neu machen? Da stoßen wir schnell an unsere Grenzen. Wenn es heißt, in der Ewigkeit wird alles neu, was wird dann besser? Keine Tränen mehr, keine Trauer. Und ganz konkret: keine Ausbeutung der Welt, keinen gleichgültigen Umgang mit Luft, Wasser und Tieren, keinen ignoranten Umgang mit Menschen, kein Mobbing, keine Fremdenfeindlichkeit, kein Hunger, keine Armut. Stattdessen wird Gott uns – und ganz unmittelbar mit unseren Verstorbenen – Gerechtigkeit, Liebe, Toleranz und Miteinander schaffen. Kurz: ein Leben im Gut-Miteinander-Sein. Wenn das also die himmlische Vollendung ist, können wir auf der Erde, hier, dann doch eine ganze Menge tun, wir können nämlich auf dieses Ziel hinarbeiten. Das ist der Sinn des Lebens: Seid gut zueinander!“
Und so erhoben sich die, die zu Ehren der Verstorbenen gekommen waren, und reihten sich ein, um – während die Namen verlesen wurden – um für jeden Verstorbenen ein Licht auf den Kerzentisch zu stellen: für die sechs Gäste des Franziskustreffs und die anderen wohnungslos, suchtkrank und in Armut verstorbenen Menschen. Die insgesamt 160 Kerzen tauchten das Kirchenschiff in ein stilles, weiches Licht des Erinnerns, während alle die Kyrie sangen. Mit Gebeten und der berührenden Musik eines Saxophonisten endete die stimmungsvolle Feier.
„Das schönste Denkmal, das ein Mensch bekommen kann,
steht in den Herzen seiner Mitmenschen.“
Albert Schweitzer
So wird jedes Jahr am 2. November in Liebfrauen der Toten gedacht, aber auch das Leben derjenigen gewürdigt, die – gegen alle Widrigkeiten – täglich ihr hartes Leben auf der Straße meistern. Das Hauswirtschaftsteam des Franziskustreffs lud im Anschluss an den Gedenkgottesdienst zu heißem alkoholfreiem Punsch und Laugenstangen ein.
Eine gute Grundlage, um sich nach den emotionalen Momenten im gemeinsamen Gespräch wieder zu fassen, sich zu sammeln und den menschlichen Zusammenhalt zu spüren.
Danke an alle Mitwirkenden und alle, die gekommen sind, um gemeinsam zu gedenken.
Ihr Franziskustreff-Team