Gleichberechtigung toppt Blumen

07.03.2026
Beim Verteilen der Blümchen in den Tischreihen wird deutlich, dass wir in unserer Gesellschaft noch ein gutes Stück Weg bis zur Gleichberechtigung zu gehen haben.

Am 8. März ist Internationaler Frauentag

Auch im Franziskustreff ist der 8. März ein wichtiger Tag für Frauen. Das rein spendenfinanzierte Hilfsangebot ist sonntags geschlossen. Daher überreichte das Team schon beim heutigen Frühstück bunte Blumengrüße. Wie immer nahmen die weiblichen Gäste die wertschätzende Geste mit Freuden entgegen. Aber lieber wäre es wohl allen, die schöne Blüte und die Not, die sie morgens an die Tisch im Gastraum bringt, einzutauschen.

Ein Drittel der bis zu 180 obdachlosen und armen Menschen, die die Hilfsangebote von Frühstück, Sozialberatung und Praxis für Wohnsitzlose nutzen, sind Frauen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Wie bei den Männern markieren oft Schicksalsschläge, Krankheit oder der Verlust des Arbeitsplatzes den Startpunkt der Abstiegsspirale, die sie auf die Straße und in Not brachten. Viele von ihnen kommen zum Frühstück, weil die Rente nicht reicht, sie nach einer plötzlichen Trennung keine Wohnung gefunden haben oder aufgrund von langjähriger Sorgearbeit auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr Fuß fassen. Hinzu kommen weitere strukturelle Faktoren, die für Frauen die Gefahr erhöhen, arm oder wohnungslos zu werden:

  • schlechtere Bezahlung (Gender Pay Gap) und Teilzeitfalle (Gender Care Gap): Weniger Einkommen durch ungleiche Entlohnung, dazu Beschäftigung in Teilzeit, als Minijob und/oder im Niedriglohnsektor dazu unbezahlte Care-Arbeit sowie Erziehung und Pflege von Angehörigen führen zu deutlich geringere Renten.
  • Steuer- und Familienpolitik, die eine traditionelle Rollenverteilung begünstigt: Ehegattensplitting, Elterngeldsysteme und Familienleistungen nach dem Einverdienermodell verursachen wirtschaftliche Abhängigkeitsverhältnisse.
  • Mangel an bezahlbarem Wohnraum und Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt: Frauen mit geringem Einkommen oder/und Kindern haben schlechtere Chancen eine Wohnung zu bekommen.
  • Alleinerziehendenrolle: Unzureichende Kinderbetreuung und mangelhafte Vereinbarkeit von Beruf und Kinderbetreuung erschweren die Erwerbstätigkeit.
  • (Partnerschafts)Gewalt: Frauen erleben häufiger geschlechtsspezifische Gewalt. Wenn Frauen aus gewaltvollen Beziehungen fliehen, bedeutet das oft: kein Geld, keine Unterstützung und keine Zeit, etwas zu organisieren. Frauenhäuser sind chronisch überfüllt, denn es gibt einfach zu wenige.
  • mangelnde Hilfsangebote: Wohnungslosigkeit von Frauen ist oft „unsichtbar“. Sie leben selten auf der Straße, sondern bei Bekannten, verbleiben in gewaltvollen Beziehungen oder in temporären Unterkünften. Dadurch fallen Frauen durchs Raster oder suchen erst später Hilfe aus Angst vor Gewalt und fehlender Sicherheit.
  • systematische Unterschiede in Gesundheitszustand, Gesundheitsversorgung und gesundheitlichen Belastungen zwischen Männern und Frauen (Gender Health Gap). Diese Lücken wirken sich direkt und indirekt auf das Risiko aus, dass Frauen verarmen oder wohnungslos werden. Schlechterer Gesundheitszustand bedeutet geringere Erwerbsfähigkeit und damit ein höheres Armutsrisiko. Außerdem haben sozial benachteiligte Gruppen häufiger chronische Krankheiten und funktionale Einschränkungen. Dies betrifft Frauen besonders stark, da sie überproportional häufiger in Armut leben und geringere Einkommen erzielen. Körperliche und seelische Belastungen aufgrund von Schwangerschaften und Mutterschaft erhöhen den Stress und können zu mehr gesundheitlichen Problemen führen. Schließlich treffen sie Zusatzkosten besonders hart, weil sie auch geringere Rücklagen haben. Frauen sind häufiger von geschlechtsspezifischer Gewalt betroffen und somit auch häufiger von den gesundheitlichen Folgen wie Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTSD), Depressionen, körperlichen Erkrankungen bis hin zu stressbedingten Arbeitsausfällen. Das Gesundheitssystem ist nicht ausreichend auf die besonderen gesundheitlichen Folgen vorbereitet.

Dieses Ungleichgewicht lässt sich nur politisch lösen. Dennoch kann jeder und jede kann sich dafür einsetzen, dass sich die Umstände für Frauen verbessern. Zum Beispiel auf strukturelle Probleme aufmerksam machen, darüber reden und Betroffenen eine Stimme geben. Oder auch Initiativen unterstützen, die sich für Frauenrechte einsetzen und bedürfnisorientierte Hilfsangebote schaffen.

Geschlechtergerechtigkeit? Auf dem Weg, aber lange nicht am Ziel.

Wegen all dieser zusätzlichen Herausforderungen hat das Team Franziskustreffs die Bedürfnisse der weiblichen Gäste noch einmal besonders im Blick. Für Frauen, die verarmt oder auf der Straße leben, sind oft auch andere Hilfestellungen gefragt als bei Problemen, die eher Männer betreffen. Denn der Alltag obdachloser und armer Frauen ist zusätzlich von Unsicherheit und Bedrohungen durch (sexuelle) Gewalt geprägt. Die Einrichtungen, z. B. Notunterkünfte und die Hilfesysteme sind häufig auf Männer ausgerichtet. Dazu der mangelnde Zugang zu sanitären Einrichtungen und zu Hygieneartikeln - besonders während der Periode.

So wurden auch im Franziskustreff weitere Angebote speziell für die weiblich gelesenen Gäste entwickelt. Das ist wichtig, da besonders Frauen, die Gewalt z. B. in der Partnerschaft erlebt haben, sich oft unter Frauen sicherer aufgehoben fühlen. Während der Öffnungszeiten des Franziskustreffs erhalten Frauen kostenlos und diskret Hygieneartikel. Und bei den Angeboten schaffen die Mitarbeitenden auch immer wieder geschützte Räume mit Veranstaltungen nur für Frauen.

Unter sich sein können

Dabei wird immer wieder deutlich, dass es auch gut ist für die Frauen in Not, wenn sie einfach einmal unter sich sind. Vielen fällt es dann leichter sich zu öffnen und Sorgen anzusprechen. Es tut gut einander zuzuhören, auszutauschen und Tipps zugeben. Zu spüren, dass Frau-Sein auch mit besonderen Stärken verbunden ist. Die Gästinnen entdecken sie an sich selbst und aneinander. Zum Beispiel in geselligen Kaffeerunden, den Wellnessnachmittagen oder Workshops zu spannenden Lebensthemen. Und auch der Salsa-Tanzkurs ist beliebt, denn hier entfalten sich Mut und teils unentdeckte Talente. Ganz ohne wertende Blicke, die die unbefangene Freunde trüben könnten.

Blumen sind gut, Gerechtigkeit ist besser

Zum Internationalen Frauentag wird das Team im Franziskustreff den weiblichen Gästen weiterhin mit Blumen eine Freude machen. Und sich an allen anderen Tagen für sie - und alle von Obdachlosigkeit und Armut betroffenen Menschen - einsetzen: Mit einem reichhaltigen und würdig am Platz servierten Frühstück. Mit sozialberaterischer Zuwendung, nervenärztlicher Versorgung und Freizeitangeboten, die Teilhabe und Gemeinschaft ermöglichen. Mit Aufklärung für mehr Bewusstsein in der Gesellschaft sorgen und so zu helfen Diskriminierung und Ungerechtigkeit gegenüber Menschen in Not abzubauen.

Jede Spende hilft dabei.

Danke an alle, die an der Seite der Gäste des Franziskustreffs sind.

Ihr Franziskustreff-Team

QUELLEN:

🔗 www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Downloads/Broschueren_Bestellservice/datensammlung-zur-steuerpolitik-2025.pdf
🔗 www.publikationen-bundesregierung.de/pp-de/publikationssuche/steuerpolitik-2025-2337642
🔗 www.bmbfsfj.bund.de/resource/blob/239468/a09d21ecd295be59a9aced5b10d7c5b7/familienreport-2024-data.pdf
🔗 www.deutscher-familienverband.de/analyse-koalitionsvertrag-auf-dem-familienpolitischen-pruefstand/