SVEN: „Etwas Aufregung ist da schon: Heute helfe ich wieder im Franziskustreff. Das heißt, ein Frühstück zuzubereiten – für manchmal bis zu 180 Gäste an einem Vormittag. Diese Menschen sind obdachlos und arm. Sie geben eine kleine Selbstbeteiligung von 50 Cent und bekommen dafür ein kräftiges Frühstück. Sie können auswählen unter mehreren Varianten. Dazu gibt es Kaffee oder Tee. Und alles wird ganz herzlich am Platz serviert. Heute auch von mir.
Der frühe Start vor sieben fällt mir nicht schwer. Das kenne ich aus meinem Lebenslauf. Schwer haben es die, die morgens irgendwo auf dem Bürgersteig, in einem Ladeneingang oder hinter einem Busch aufwachen. Noch im Dunklen und nach einer ziemlich kalten Nacht. Das denke ich an diesem Morgen, während ich zusammen mit den anderen haupt- und ehrenamtlich Helfenden große Brotkörbe fülle, Gläser mit Nuss-Nougat- Creme griffbereit stelle und viele Thermoskannen mit Kaffee aufreihe. Viel Zeit für solche Gedanken bleibt aber gar nicht. Denn draußen beginnt schon das Leben. Pünktlich um 7:45 Uhr geht die Tür zum Frühstücksraum auf. Die ersten Gäste lassen ihr schweres Gepäck vor der Tür und kommen herein. Die meisten schweigsam, zielstrebig und mit dem Vertrauen der Gewohnheit. Nach einem freundlichen „Guten Morgen“, was ich genauso freundlich wiederbekomme, darf ich gleich meine Qualitäten als „Frühstückskellner“ unter Beweis stellen. „Was darf es sein, Kaffee oder Tee?“. Den kleinen Obolus einsammeln. Wechselgeld muss ich nur selten aus der Schürze fischen. Viele haben ihre 50 Cent schon in der Hand oder zählen akribisch jede einzelne Münze ab bis es genau passt.
Das Speisenangebot muss ich auch kaum erklären. Die Stammgäste wissen, was ihnen jetzt guttut. Oft ist es der „Fitnessteller“. Ein Gedeck mit viel frischem Gemüse und einem hartgekochten Ei. Im Team erfahre ich beim Nachschubholen, welche Ersatznamen die Gäste für diesen leckeren Teller schon erfunden haben. „Olympiateller“ zum Beispiel. Vielleicht auch, weil Schwimm-Olympionike Michael Groß den Franziskustreff einmal besucht hat. So genau weiß das keiner mehr. Kurz vor acht ist mein Aufmerksamkeitspegel auf dem Maximum. Der Frühstückraum ist bis auf den letzten der 24 Plätze besetzt. Draußen warten schon die nächsten Gäste. Wo darf ich noch mal nachschenken? Nach dem Kaffee noch ein heißer Tee zum Durchwärmen? Dort ist die Milch alle, am anderen Tisch geht das Brot zur Neige. Und dann sind da noch die Papiertüten, die vielen Gästen sehr wichtig sind. Denn darin dürfen sie sich geschmierte Brote mitnehmen. Stullen, würde ich als Ex-Berliner sagen. Aber so heißen die in Frankfurt am Main nicht. Ist auch nicht wichtig jetzt. Wichtig ist, dass die Tüten am Ende voll sind – mit Proviant, um durch den harten Tag auf der Straße zu kommen.
So schweigsam viele sind oder so rau manche auch reden: Ich spüre die Dankbarkeit der Gäste. Die freundlichen Blicke, wenn ich die erbetene Serviette oder ein zusätzliches Stückchen Butter bringe. Das leise „Danke“, das Nicken, dass eigentlich schon eine kleine Verbeugung im Sitzen ist. Die Seele lebt, obwohl das entbehrungsreiche Leben oft sichtlich Spuren hinterlassen hat. Manchmal muss ich schlucken vor Demut und Traurigkeit. Das mache ich getarnt, hinten in der Küche, wenn ich das Tablett mit den süßen Stückchen hole. Kurz durchatmen, froh sein, etwas geben zu können – und dann mit einem Lächeln zurück an die Tische. ,Hier bin ich richtig‘, denke ich. Hier sind alle richtig. Die an den Tischen. Die hinter dem Tresen. Die im Büro der Franziskustreff-Stiftung. Der Organisation, die jeden Tag dafür arbeitet, dass es das Frühstücksangebot, die zugehörige Sozialberatung und die Arztpraxis, die psychisch erkrankten wohnungslosen Menschen hilft, weiterhin geben kann. Was für ein Tag. Wie schnell kann das Leben eine tragische Wendung nehmen, denke ich. Und – mögen alle weiter einigermaßen durch diesen Tag kommen.“ [...]
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